Fussballverband Region Zürich

Das einstige «Turbo-Omi» wünscht sich einfach Normalität

Die erste Frau an der Spitze eines SFV-Regionalverbands: Diese Plakette kann sich Rita Zbinden an ihre Bluse oder Jacke heften. Seit Oktober 2019 ist sie ad-interim-Präsidentin und schöpft nach mehr als einem Vierteljahrhundert FVRZ-Tätigkeit aus dem Vollen.

(Text und Bilder von Bruno Füchslin, Medienberichterstatter FVRZ)

Begonnen hat für Fussball-Rita alles, als ihr Papi sie jeweils Samstag und/oder Sonntag auf die Winterthurer Fussballplätze mitnahm. Da muss irgendetwas Unsichtbares den Weg ins Kinderherz gefunden haben – und dies hat sich mit Verweildauer von nunmehr mehreren Jahrzehnten festgesetzt und dürfte zeitlebens nicht mehr Reissaus nehmen. Gewiss nicht das einzige Individuum, dem genau dies einst so oder ähnlich geschah. In Sachen Nachhaltigkeit jedoch – dem Lieblingssport weit übers Fussballfeld hinaus treu bleiben – ist die diplomierte Bankfachfrau eine beeindruckende Stehvermögen-Person.

Mit 20 Jahren trat Rita Zbinden beim FC Münchenstein dem Vereinsfussball bei; sie erlebte die Anfänge des Frauenfussballs wortwörtlich hautnah. Weitere Stationen waren der DFC Spreitenbach und zum Schluss für ein paar Jahre die Blue Stars (NLA). Die so gut wie stets mit jüngeren Frauen zusammen spielende Verteidigerin durfte sich eines Tages – und ab da viele Jahre – den Übernamen «Turbo-Omi» anhören. Er wurde zum lieb gemeinten Zbinden-Pseudonym. 

Ferienvertretung als Dauerzustand
Eine Anfrage betreffend einer Trainer-Ferienvertretung im Junioren-Ea-Team des FC Zürich weitete sich aus: «Mit Kindern zusammen sein und mit ihnen etwas erleben – was gibts Schöneres? Da vollzieht sich ein unausgesprochenes gegenseitiges Geben und Nehmen», schwärmt Rita Zbinden von diesen Zeiten. Nach zehn Jahren Ea-Trainerin wechselte sie zum Grasshopper-Club und trug dort die Gesamtverantwortung der grossen Junioren-F-Kategorie. Ohne Gewissensbisse einfach «über die Gleise»? «Vereine sind mir gleich wichtig; ich kann nicht diese und jene bevorzugen und dadurch andere faktisch oder emotional zurück stellen. Es geht und ging mir immer um die Sache – Kinder sind Kinder, unabhängig davon, welches Dress sie tragen», begründet Zbinden ihre so gelebte aktive Neutralität.

Seit 1995 ununterbrochen im Verband
«Nach und nach aber wurde mir das volle Engagement in Sachen Fussball zu viel», beschreibt die hier Porträtierte. «Mir 35 Jahren hörte ich mit der eigenen Karriere auf – nur ein Tag in der Woche ohne Fussball zehrte sowohl an Kräften wie der Freude.» Wo sich eine Türe schliesst, geht per diesem Luftzug eine neue auf: Der damals im Regionalvorstand tätige Hansruedi Kasper wurde bereits Jahre zuvor auf der Suche nach einer für den Frauenfussball zuständigen Person in Rita Zbinden fündig. Der Einstieg in dieses Metier geschah im April 1995; seither ist «Turbo-Omi» ununterbrochen in verschiedenen und/oder zusätzlichen Aufgaben im Verband tätig. Nach dem doch überraschenden Rücktritt des ehemaligen Präsidenten Sandro Stroppa einigte sich der Vorstand nach intensiven Diskussionen darauf, dass Rita Zbinden das Vorsitzenden-Amt ad interim übernehmen solle.

Unersetzliche Erfahrungen gesammelt
Und wie dem so ist: Die zum Sport parallel laufende berufliche Laufbahn half enorm mit, dass sich die Persönlichkeit entwickelte und festigte. «Einst wollte ich Kinder-Krankenschwester werden, machte dann aber 1974 eine dreijährige Ausbildung als Familienhelferin. Nach einigen Praxisjahren zog es mich für ein halbes Jahr nach England. Bereits da wie in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zeigte sich, dass ich in mehreren Firmen als Ausbildungsverantwortliche jeweils den für mich wohl idealen Job zugeteilt erhielt», resümiert Zbinden ihre Tätigkeiten. Seit 2012 arbeitet die diplomierte Bankfachfrau in einem 80%-Pensum als Kundenmanagerin in der UBS-Filiale Küsnacht.

«Seit Jahrzehnten infiziert»
An der Delegiertenversammlung vom 20. August diesen Jahres wird sich Rita Zbinden zur Wahl als weiterhin Vorsitzende stellen und hofft, dass aus dem aktuellen ad-interim-Status ein definitiver wird. Nicht nur, aber auch deswegen: «Ich möchte doch noch erleben, was ganz normale Saisons an zu bewältigenden Aufgaben parat halten. Ohne Corona mit seinen massiven Auswirkungen auf das Alltägliche und das Fussball-Leben. Ich bin schon seit Jahrzehnten mit dem Fussball-Virus infiziert – und einer dieser ‹Chäfer› ist genug …».

 

Rita Zbinden-Winkler
Geboren am 19. März 1958
Aufgewachsen in Winterthur
Beruf: diplomierte Bankfachfrau / Kinesiologin
Zivilstand: seit 1995 verheiratet mit Fred, Sohn Rafael (26-jährig)
Hobbies: Fussball, Golf, Tennis
Stärken: hohe Sozialkompetenzen, teamfokussierter Führungsstil, ausgeprägte Balanceorientierung
Schwäche: ungeduldig beim Autofahren …
Lebensmotto: «Unterscheiden, was ich verändern respektive nicht verändern kann, um dadurch Energie zu sparen»

 

Tätigkeiten Rita Zbinden im FVRZ

Präsidentin a.i. seit Oktober 2019
Mitglied / AL-Delegierte   Mai 2015
AL-Delegierte / AL-Suppleantin   August 2009
Vizepräsidentin FVRZ   September 2007
Mitglied Regionalvorstand   April 2004
Abteilung Technik (Frauen)   April 1995

 

Die Vorsitzende freut sich auf eine «normal» laufende Nach-Corona-Zeit.

Rita Zbinden diskutiert stets mit Engagement.

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Der Gang nach Canossa

von Bruno Füchslin, Medienberichterstatter FVRZ,
bfoxli@bluewin.ch  

Die Titelzeilen haben ihren Ursprung im berühmten Gang nach Canossa (in Italien bei Reggio) Heinrichs IV. (1077), um den Papst durch Busse zu bewegen, seinen Bann gegen ihn zurückzunehmen. Die heutige Bedeutung: Einen erniedrigenden Bittgang machen; ein schwieriges, Bereitschaft zur Unterordnung signalisierendes Gespräch führen. So meinen zumindest verschiedene Internet-Auskünfte.

Dass Fussballer beziehungsweise Vereine 950 Jahre später Ähnliches erleben, konnten weder Heinrich der Vierte noch Papst der Siebte mit Namen Gregor erahnen. Ein Phänomen neueren Datums hat eingezogen: «Fans» sind so ab und an nicht mehr zufrieden mit dem, was gezeigt wird. Man blockiert Ausgänge, hindert Mannschaftsbusse am Wegfahren, wartet auf die eigenen Helden, die keine (mehr) sind. Man will Erklärungen, weshalb man tabellenmässig im Keller hockt oder «Goldene Zeiten» offenbar Passé sind. Und verweist darauf, dass man dies nicht weiter akzeptiere. Vereinsfunktionäre kriegen in den (a-?)sozialen Medien ihr Fett weg.

Nein, Vereinsmitglieder sind sie nicht. Ist ein «alter Zopf». Hardcorefans lassen sich nicht mit demokratischen Weichei-Reglementen abspeisen. Auf welch intellektueller Ebene sich Diskussionen abspielen, lässt sich nur erahnen. Wenn das Herzblut aus der emotionalen Schlagader tropft, ist nicht mehr zu spassen. Weshalb du dort so und nicht anders. Weshalb dort anders und nicht so. Einer meint, man hätte viel defensiver anfangen müssen. Der nebenan sagt, das einzige Heil sei die Offensive. Man stellt einmal mehr fest: Im Fussball sind auch die Laien Experten. Vor allem aber gilt: mehr Einsatz. Die Füsse müssen rauchen nach dem Spiel. Sich zerreissen für den Verein. Der Summe summarum: Wer Erwartungen nicht erfüllt, wird halbwegs bis zur Gänze schuldig. Immerhin: Man muss nicht mehr die rund 450 km von Zürich nach Canossa reisen. Bis zur Fankurve sinds geschätzte 80 Meter.

Als ob die Gescholtenen nicht selber wüssten, was es geschlagen hat. Als ob sie sich nicht anstrengten, das Blatt zu wenden. Als ob sie nicht noch so gerne mit einem Dreier statt dem Nuller vom Feld gezogen wären. Aber manchmal gibts Gegner, die besser sind. Manchmal springen Abpraller immer vor die Füsse der andern. Und manchmal ist der Pfosten des gegnerischen Teams bester Verteidiger. Solche Phasen erhalten den Namen «Negativspirale». Diese möglichst wieder auf eine Gerade zu glätten, ist eine der faszinierenden Herausforderungen der Mannschaftssport-Dynamik. Und obwohl alle daran arbeiten, wissen die gescheitesten (Fussball-)Köpfe nicht, wie man das am besten (gleich erfolgreichsten) macht.