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Offene Fragen ohne definitive Antworten

von Bruno Füchslin, Medienberichterstatter FVRZ,
bfoxli@bluewin.ch  

Die ungeschriebenen Gesetze unterscheiden sich von den geschriebenen dadurch, dass sie – logisch! – nicht geschrieben sind. Sie haben einen anderen Status: Sie zielen auf den «gesunden Menschenverstand» hin, auf allgemeines gesellschaftlich akzeptiertes Okay-Verhalten, auf Ethik- und Moralvorstellungen, die – je nach Ländern und Kulturen – durchaus unterschiedlich sind. Motto: ein durchschnittlich «gesunder» Mensch macht dies und jenes oder eben – das Kontra – jenes und dies nicht. Der interpretierbare Grauzonenbereich ist so gross, dass dessen Endpunkte schwarz und weiss unberührt bleiben.

Immer wieder tauchen – je nach Vorkommnis – diese Fragen auf: Inwieweit sollen sich Sportlerinnen und Sportler politisch äussern, Stellung beziehen, «klare Kante» zeigen? Man hat den permanenten Vorbildern einer möglichst heilen Sportwelt in vergangenen Jahrzehnten tief moralisch nahe gelegt, dass sie sich bitteschön aus politischen Debatten heraus halten sollen. Welch Aufschrei damals an den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko, als die US-Sprinter John Carlos und Tommie Smith anlässlich der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs ihre in einen schwarzen Handschuh gehüllte Faust in den dunklen Himmel streckten. Den Blick zum Boden gesenkt, trugen sie als Zeichen der Armut schwarze Socken. Ein markantes Zeichen der damaligen Black-Power-Bewegung.

Sie durften dafür büssen. Smith resümierte Jahre später so: «Ich habe damals übelste Verwünschungen und ungezählte Morddrohungen erhalten, aber das alles war es wert. Weil ich an die Menschenrechte glaubte, sah ich es als meine moralische Verpflichtung an, diesen Moment zu nutzen. In meinem Land herrschten Rassismus und Ungerechtigkeit. Und ich stand auf einer weltweiten Bühne, im Trainingsanzug der USA.»

So dramatisch muss und kann sich politische Willensäusserung nicht erkennbar zeigen. Was ist bei Abstimmungen in der Schweiz? Sollen sich Vereine/Personen daraus öffentlich äussern? Was ist bei lokalen Abstimmungen? Dürfen Vereine dann, wenn ihre missliche Sportplatz-Infrastruktur Renovationen und Erweiterungen bedürfen, Werbung für ihre Anliegen machen? Oder weiter: Gibts irgend etwas auf dieser Welt, was offensichtlich oder in tiefer hintergründigen Recherchen nicht politisch ist?

Die so genannten sozialen Medien machen Plattformen auf, die althergebrachte Strukturen längst beiseite geschwemmt haben. Die Moralkeule indes zeigt auch heute noch Wirkungen. Nicht vergessen sind die Doppeladler von Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka an der WM 2018 in Russland und das Foto von Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Natürlich höchst diskutable Vorfälle.

Dennoch: Dass der «heile Sport» in der global vernetzten Welt weiterhin den Status «Sportler treiben Sport und haben sich aus politischen Fragen herauszuhalten» noch lange Bestand hat, ist zu bezweifeln – mit allen Vor- und Nachteilen, welche die fliessende Lockerung nach sich zieht. Aber sich den (politischen) Mund verbieten lassen, nur weil man Sportlerin/Sportler ist? Das ist eine nicht hinnehmbare Ausgrenzung. Dies ausgerechnet im Sport, der weltweit in Sachen Integration und Akzeptanz beispiellos so viel leistet wie nichts anderes.