Fussballverband Region Zürich

Der Gang nach Canossa

von Bruno Füchslin, Medienberichterstatter FVRZ,
bfoxli@bluewin.ch  

Die Titelzeilen haben ihren Ursprung im berühmten Gang nach Canossa (in Italien bei Reggio) Heinrichs IV. (1077), um den Papst durch Busse zu bewegen, seinen Bann gegen ihn zurückzunehmen. Die heutige Bedeutung: Einen erniedrigenden Bittgang machen; ein schwieriges, Bereitschaft zur Unterordnung signalisierendes Gespräch führen. So meinen zumindest verschiedene Internet-Auskünfte.

Dass Fussballer beziehungsweise Vereine 950 Jahre später Ähnliches erleben, konnten weder Heinrich der Vierte noch Papst der Siebte mit Namen Gregor erahnen. Ein Phänomen neueren Datums hat eingezogen: «Fans» sind so ab und an nicht mehr zufrieden mit dem, was gezeigt wird. Man blockiert Ausgänge, hindert Mannschaftsbusse am Wegfahren, wartet auf die eigenen Helden, die keine (mehr) sind. Man will Erklärungen, weshalb man tabellenmässig im Keller hockt oder «Goldene Zeiten» offenbar Passé sind. Und verweist darauf, dass man dies nicht weiter akzeptiere. Vereinsfunktionäre kriegen in den (a-?)sozialen Medien ihr Fett weg.

Nein, Vereinsmitglieder sind sie nicht. Ist ein «alter Zopf». Hardcorefans lassen sich nicht mit demokratischen Weichei-Reglementen abspeisen. Auf welch intellektueller Ebene sich Diskussionen abspielen, lässt sich nur erahnen. Wenn das Herzblut aus der emotionalen Schlagader tropft, ist nicht mehr zu spassen. Weshalb du dort so und nicht anders. Weshalb dort anders und nicht so. Einer meint, man hätte viel defensiver anfangen müssen. Der nebenan sagt, das einzige Heil sei die Offensive. Man stellt einmal mehr fest: Im Fussball sind auch die Laien Experten. Vor allem aber gilt: mehr Einsatz. Die Füsse müssen rauchen nach dem Spiel. Sich zerreissen für den Verein. Der Summe summarum: Wer Erwartungen nicht erfüllt, wird halbwegs bis zur Gänze schuldig. Immerhin: Man muss nicht mehr die rund 450 km von Zürich nach Canossa reisen. Bis zur Fankurve sinds geschätzte 80 Meter.

Als ob die Gescholtenen nicht selber wüssten, was es geschlagen hat. Als ob sie sich nicht anstrengten, das Blatt zu wenden. Als ob sie nicht noch so gerne mit einem Dreier statt dem Nuller vom Feld gezogen wären. Aber manchmal gibts Gegner, die besser sind. Manchmal springen Abpraller immer vor die Füsse der andern. Und manchmal ist der Pfosten des gegnerischen Teams bester Verteidiger. Solche Phasen erhalten den Namen «Negativspirale». Diese möglichst wieder auf eine Gerade zu glätten, ist eine der faszinierenden Herausforderungen der Mannschaftssport-Dynamik. Und obwohl alle daran arbeiten, wissen die gescheitesten (Fussball-)Köpfe nicht, wie man das am besten (gleich erfolgreichsten) macht.